Freiwilliges Soziales Jahr und Co. – weiter freiwillig oder doch als sozialer Pflichtdienst?

Veröffentlicht am 22.01.2023 in Kreisverband

Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und der Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) sind spätestens seit dem Wegfall des Zivildienstes seit gut zehn Jahren wichtige Stützen unserer Gesellschaft. Gut 50.000 FSJler und knapp 40.000 Bufdis waren in 2021 aktiv. Bei den Bufdis sind das nicht nur junge Menschen, immerhin rund 7% der Aktiven fallen in das Alterssegment 51 – 65 Jahre.

Bundespräsident Steinmeier hat im letzten Jahr eine Debatte zu einem Pflichtdienst angestoßen, der auf junge Menschen beschränkt sein könnte. Er fragt dabei, „ob es unserem Land nicht gut tun würde, wenn sich Frauen und Männer für einen gewissen Zeitraum in den Dienst der Gesellschaft stellen.“

Diese Fragen haben wir zusammen mit allen anderen Fragen rund um diese Dienste mit Birgit Wiloth-Sacherer, der Geschäftsführerin des DRK Baden und Thomas Schaaf, dem Leiter der Freiwilligendienste beim DRK Baden diskutiert.

Diskutieren geht immer dann besser, wenn man die Fakten kennt und deshalb stellte Thomas Schaaf die wichtigsten Eckpunkte rund um diese Dienste zusammen. So vergleichen sich die oben genannten 90.000 in den freiwilligen Diensten zum stärksten Jahrgang bei den Zivildienstleistenden von 136.000 in 2002. Zwei Zahlen, die einerseits nicht so sehr weit auseinander liegen, aber andererseits bei den Zivildienstleistenden alleine durch junge Männer gestellt wurden. Jetzt sind die jungen Frauen mit gut 60% in der Mehrheit. Kein Nachteil, so ergänzte Birgit Wiloth-Sacherer, denn damit wurde dann beispielsweise der Rettungsdienst auch weiblicher.

Bei den Bildungsabschlüssen der jungen Leute dominiert die Hochschulreife, was auch daran liegt, dass viele Dienste zum Beispiel einen Führerschein brauchen, den Realschulabsolventen oder Hauptschüler altersbedingt nicht vorweisen können. Über die Jahre ist die Schar der Freiwilligen aber diverser geworden.

Die Einsatzorte beim DRK Baden sind ebenfalls sehr divers, gut 50% leisten ihren Dienst aber in Schulen und Kitas ab. In der Altenhilfe, deren Personalmangel immer wieder als Argument für Pflichtdienste angeführt wird, sind nur 5% beschäftigt.

Sehr interessant und kompliziert ist die Finanzierung der Dienste. Die FSJler und Bufdis bekommen ein „Taschengeld“, das zwischen 300 und 550 € im Monat liegt. Der Zuschuss des Bundes ist mit 100 bis 200 € pro Monat sehr gering. Das Land Baden-Württemberg legt pro Freiwilligem 500 € im Jahr drauf, in den meisten Ländern gibt es gar nichts. Durch die ebenfalls fällige Sozialversicherungspflicht, die von den Einsatzstellen zu 100% übernommen werden muss, belaufen sich deren Kosten pro Stelle und Monat auf rund 700 bis 800 Euro.

Trotz des sehr bescheidenen Taschengelds erreicht der Freiwilligendienst bundesweit 7% der Schulabgänger. Spitzenreiter ist dabei Baden-Württemberg mit 13%, Schlusslicht ist Bayern mit 3%.

Die Frage nach einer möglichen Einführung eines Pflichtdienstes war für beide recht eindeutig aus dem Selbstverständnis des Roten Kreuzes zu beantworten. Das setzt klar auf Freiwilligkeit. Aber auch jenseits dessen ist ein Pflichtdienst für die jährlich rund 720.000 Schulabgänger nicht darstellbar. Die Kosten des Freiwilligendienstes belaufen sich für den Bund derzeit auf etwas mehr als 300 Millionen Euro und würden bei einem Pflichtdienst auf einige 10 Milliarden Euro pro Jahr ansteigen. Die schiere Anzahl an Menschen wäre von den Verbänden außerdem gar nicht zu schaffen.

In der nachfolgenden Diskussion sprach sich gleichermaßen niemand für einen Pflichtdienst aus. Diese Forderung würde immer wieder von den Menschen aufgestellt, die es sicher nicht mehr betrifft und vor allem die jungen Diskussionsteilnehmer konnten keinen Grund ausmachen, aus dem sich für sie für einen solchen Dienst eine Bringschuld ableiten ließe.

Nichtsdestoweniger wurde die Notwendigkeit der Freiwilligendienste aber natürlich gesehen und überlegt, wie FSJ und Co. attraktiver werden könnten. Beide Referenten hatten dafür eine klare Vorstellung: Beim Freiwilligendienst gibt es ein kleines Taschengeld, die Freiwilligen bei der Bundeswehr bekommen 1.400 Euro im Monat bei freier Kost und Logis in den Kasernen und kostenloser Nutzung der Bahn. Ein gewaltiger Unterschied, der durch nichts zu rechtfertigen ist und eben auch ein Stück weit die fehlende Anerkennung des Freiwilligendienstes in der Politik zeigt.

Außerdem wird der Freiwilligendienst durch nichts beworben. Es gibt keine Kampagne, die den Menschen FSJ und Co. schmackhaft macht. Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum Präsident Steinmeier diese Diskussion angestoßen hat, denn immerhin wird dadurch wieder über diese Dienste gesprochen.

Oswald Prucker

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